Nutztierhaltung 2040: Chancen und Risiken

 

Am 11.02.2020 veröffentliche das vom Bundesminister a.D. Jochen Borchert geleitete „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“ Empfehlungen für die Nutztierhaltung ab 2020 bis 2040. Als Lösung für mehr Tierschutz und Tierwohl könnte eine mengenbezogene Tierwohlabgabe eingeführt werden. Die ebenso diskutierte Umsatzsteuererhöhung von 7% auf 19% soll nicht favorisiert werden.

Tierschutz und Tierwohl

Nicht erst seit der vom BMEL im letzten Jahr eingeleiteten Tierwohlkennzeichnung stehen Tierschutz und Tierwohl verstärkt im gesellschaftlichen, politischen und medialen Fokus.

Tierschutz wird nicht nur im Grundgesetz in Art. 20a GG, sondern auch im Tierschutzgesetz und in der für den Nutztierbereich maßgeblichen Tierschutznutztierhaltungsverordnung garantiert. Damit soll ein Mindestschutz gewährleistet werden. Das Tierwohl soll darüber hinaus ein verbessertes Tierleben ermöglichen.

Über den meisten Landwirten mit Tierhaltung schwebt das Damoklesschwert „Massentierhaltung“. Die Berichterstattung konzentriert sich scheinbar nur auf die schwarzen Schafe des Wirtschaftszweiges, leider mit sehr großer Verallgemeinerung.

Oftmals habe ich den Eindruck, dass die meisten Menschen das Wort „Massentierhaltung“ pauschal für alle Tierbetriebe unabhängig der Nutztierart und Haltungsform verwenden; vielfach mit negativem Tonfall und mit Bildern von Tierquälerei.

Wo Massentierhaltung beginnt und endet; ob diese für das Tierwohl des einzelnen Tieres schlecht oder vielleicht besser ist, wird dem Grunde nach nicht thematisiert.

Idylische Almlandschaft vs. Stallhaltung

„Frische Bergmilch“, „Alpenmilch“, „Heumilch“ vielfach werden in Werbung und Medien Begriffe mit einer angedachten Tierwohleigenschaft verbunden. Die Realität sieht oftmals anders aus. Die im Sommer auf der Alm grasende Kuh steht im Winter noch häufig in Anbindehaltung über 5 Monate im Stall und kann sich nur sehr eingeschränkt bewegen. Die Anbindehaltung ist dem Grunde nach unzulässig und sollte auch zukünftig untersagt werden.

In den neuen Bundesländern sind hingegen – auch historisch bedingt – große Stallanlagen vor und nach der Wiedervereinigung errichtet worden. Bei Neubauten wird neben den gesetzlichen Mindestanforderungen sehr viel Wert auf Tierwohl gelegt. Stress ist neben Genetik und Futterzusammenstellung ein Hauptgrund für Milchqualität und -quantität.

Der Landwirt ist daher im eigenen Interesse gehalten, dass die Kuh gesund ist. Die Kuh muss, auch wenn sie keinen (täglichen) Zugang zur Weide hat, kein schlechteres Leben im Großraumstall haben. Allein die Konzentration von 500, 1000 oder 2000 Rindern in einer Stallanlage ist für sich nicht aus Tierschutz- und Tierwohlperspektive schlechter zu bewerten, als die Haltung bei einem Landwirt mit 10 oder 20 Kühen. Das „Wie“ der Haltung sollte betrachtet werden, nicht allein die Anzahl.

Verbot der Haltung und dann?

Verbote von Haltungsformen sollen den Tierschutz erhöhen und im Ergebnis auch dem Verbraucher zu Gute kommen. Ob die Milch einer „glücklichen“ Kuh besser schmeckt als die einer weniger glücklichen, erscheint fraglich. Jedoch kann die Haltungsform durchaus die Qualität der Milch beeinflussen (z. B. veränderte Fettsäurenzusammensetzung in Abhängigkeit vom Futter).

Allerdings erscheint es schon in gewissem Maße irritierend, wenn in Deutschland (oder auch in der EU) verbotene Haltungssysteme in anderen Ländern z. B. Russland oder Südamerika erlaubt sind und die tierischen Endprodukte ohne Weiteres im heimischen Supermarkt stehen. Beispielhaft kann in deutschen Supermärkten kein Ei aus der konventionellen Käfighaltung gekauft werden. Gleichwohl werden Eier aus der konventionellen Käfighaltung aus Drittländern für in Deutschland vertriebene Lebensmittel verwendet. Ob das „Argentinische Steak“ von einem auf saftig grünen Wiesen stehende Rind oder aber in Stall- oder Ferchhaltung lebenden Tier kommt, scheint irgendwie egal.

Landwirte am Limit

Die „Bauernproteste“ der letzten Monate haben gezeigt, dass die Landwirte in allen Bundesländern wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch an ihre Grenzen stoßen, wenn immer schärfere Regelungen aufkommen, die Erzeugerpreise jedoch unverändert niedrig bleiben. Die angedachte „Bauernmilliarde“ als Kompensation für schärfere Düngevorschriften ist weder hilfreich noch von den Landwirten gewollt. Das Konzept der heimischen Landwirtschaft bedarf einer dringenden Überarbeitung.

Ziel von Gesellschaft, Politik und Landwirten muss es sein, die Verantwortung nicht dem einen zu überlassen, sondern auf alle Schultern zu verteilen. Wenn weniger Tiere gehalten werden sollen, muss die Einfuhr aus Drittstaaten unterbunden werden. Wenn schärfere Dünge- und Pflanzschutzregelungen kommen, dann muss auch der Erzeugerpreis angemessen steigen. Wenn Milchtankstelle oder Hofladen um die Ecke liegen, sollte der Weg auch beschritten werden.